der mensch in der evolte

lieber peter,

gerade knallt mir mal wieder ein schneller bass um die ohren – trommelfellfeuer als/aka antrieb zum schreiben… politisch ist das noch nicht per se, auch wenn es durchaus bestrebungen1 gibt, verbindungen zwischen gebrochenen beats, kaputter geschichte und gescheiterten politiken herzustellen. „kaputte musik“ widersteht vielleicht noch am ehesten möglicherweise zu erwartenden versuchen, instrumentalisiert zu werden für die eine politik, die vorgibt, ein heiles ganzes zu sein. und weil ich unseren neuen audioplayer in deeppink auch sehr geil finde – danke, peter! – hier noch ein kleine postprobe:


[nero’s day at disneyland – happy screaming night businessman; hat tip: classless]

breakcore2 als hilfe zum un-fug. indem keine durchgehende geschichte erzählt wird, lässt diese musik nicht die illusion aufkommen, dass doch alles schön heil, wohlgefügt und in ordnung sei. (oh, ist es das etwa nicht?) nur: werden diese musik mehr als die 360 leser arno schmidts3 zu schätzen wissen? musik für kulturträger only? vielleicht wollen da ja einfach auch nur ein paar leute kräftig party machen? ich bin mir da nicht so sicher. ein anderer herr – und ich habe jetzt echt hemmungen, diesen link zu bringen – hat auch schon mal was über populäre musik und ihre konsumierbarkeit gesagt, präziser als ich, keine frage, aber ähnlich undifferenziert: adorno über, ihgitt, „popular music“. wollen wir uns da mal drüber unterhalten, über unterhaltungsmusik?

gerne würde ich jetzt über schmidt weiterschreiben, nein: ihn lesen, aber da habe ich gerade nichts hier, also morgen…

dass ich dir eigentlich seit ein paar tagen einen ganz anderen brief schreiben will, ist mir schon wieder unter den tisch gefallen. dafür kann ich dir noch kurz sagen, dass meine kreiszeichnung bei aller mathematischen strenge (dass du übrigens gleich von „mathemantik“ gesprochen hast, wo es um die sinnentfaltung im kontext geht – respekt, wie geschickt du hier semantik mit ins spiel gebracht hast.), also das meine kreisbemerkung tatsächlich etwas schief gewesen ist: einen kreis kann man schon öffnen, nur ist es dann eben kein kreis mehr. nicht die öffnung, sondern der offene ist widersprüchlich, handelt es sich dann doch eher um ein kreissegment bei dem, was vom geöffneten kreis übrigbleibt. so weit, so fad. aber hier müssen wir nicht stehenbleiben, ich gehe weiter und sage: es gibt auch keine geschlossenen kreise! ist der kreis doch immer nur eine idealisierung, die selbst mit gutem zirkel kaum, bzw. nicht getroffen werden kann… (andererseits: jetzt nur noch von „fast kreisartigen gebilden“ zu reden – das kann nicht das ziel sein.) abseits des kreises. oder sogar durch den kreis hindurch – selbst das wiederum kein problem, wenn man einfach noch eine dimension hinzunimmt, den kreis in einem raum höherer dimension einbettet. angesichts verschieden verfahrener kreisverhältnisse, -läufe, -lagen mal zurücktreten und sich aus der ebene bewegen – klingt so einfach, so verlockend, vielleicht so naiv. der in der tat tragische film bringt genau das ja in die schwebe: er zeigt auf, wie „flach“ solche kreisläufe eigentlich sind, andererseits lässt er offen, ob – und wenn, wie – dieser kreislauf durchbrochen, zerstört, modifiziert, umgedeutet, geöffnet werden kann.

und noch `ne bemerkung, auf eine ältere spur rekurrierend: im sommer findet in paris ein alljährliches wissenschafts(vermittlungs)festival im – ich sag mal: univiertel – statt: „[r]évolutions“! wer in diesem rahmen eine veranstaltung organisieren will, kann sie bis anfang april anmelden; was meinst du, peter, fällt uns dazu was ein? von der evolution zur revolution und vice versa, evolution als schlachtruf – wissenschaft als pathosproduzent…

jetzt ist aber schluss für heute – schon wieder höre ich beim schreiben musik die gefällt, diesmal verrate ich aber nur den namen mara & david und gut ist,

viele herzliche grüße,

dein paul

  1. dabei bin ich auch gleich noch auf dieses video hier gestoßen, eine auseindandersetzung einer alten dresdnerin und einem jungen nazi bei einer mahnwache für rainer sonntag, im frühling des vereinten deutschlands, 1991. sie: blumen zur frauenkirche! 35.000 tote! dein abschlusszeugnis möchte ich sehen, du kannst bestimmt nüschte! dein nicki ist ganz dreckig! bei den jungs von hitler waren die ja komischwerweise immerer ganz sauber! er: die sind hier für `nen kameraden, der ist jestorben für die sache die wir alle wollen! sie können mir jarnüscht sagen! ich bin maurer! die amis, briten und russen haben die doch ungebracht! sie dann immerhin, oder wie auch immer, jedenfalls: es war krieg! wenn der hitler aufgehört hätte, stünde dresden noch! [zurück]
  2. disclaimer: wer wann wo wirklich mit breakcore gemeint ist, keine ahnung. [zurück]
  3. arno schmidt behauptete mal, dass die anzahl der „kulturträger“ (was auch immer das genau heißen mag) einer gesellschaft so ungefähr die „dritte wurzel aus p“ sei – wobei p für population oder bevölkerung steht. das macht bei damals (so ende der sechziger) 60 millionen einwohnern eben jene 360. [zurück]

5 Antworten auf “der mensch in der evolte”


  1. 1 classless 09. März 2009 um 10:24 Uhr

    Das Subjekt opfert die Anschaulichkeit des Werkes, treibt es zu Lehre und Spruchweisheit und versteht sich als Repräsentanten einer nicht existenten Gemeinschaft, stets aber war ungewiß, ob die künstlerische Attitüde des Gröhlens und der Roheit diese in der Realität denunziert oder sich mit ihr identifiziert. Banausen sind solche, deren Verhältnis zu Kunstwerken davon beherrscht wird, ob und in welchem Maß sie sich etwa anstelle der Personen setzen können, die da vorkommen; alle Branchen der Kulturindustrie basieren darauf und befestigen ihre Kunden darin. Diskussionen darüber, ob der positive Held negative Züge tragen dürfe, bleiben so schwachsinnig, wie sie dem klingen, der sie jenseits des Bannkreises vernimmt.

    Erst im fragmentarischen, seiner selbst entäußerten Werk wird der kritische Gehalt frei. Das geschlossene Kunstwerk ist das bürgerliche, das mechanische gehört dem Faschismus an, das fragmentarische meint im Stande der vollkommenen Negativität die Utopie. In der bürgerlichen Gesellschaft sind die Künstler, wie alle geistig Produzierenden, genötigt weiterzumachen, sobald sie einmal als Künstler firmieren. An Notwendigkeit sie zu messen, prolongiert insgeheim das Tauschprinzip, die Spießbürgersorge, was er dafür bekomme. Das Wohin ist eine Form verkappter sozialer Kontrolle.

    (Samples aus “Ästhetische Theorie” und “Philosophie der neuen Musik” von Theodor W. Adorno)

    Breakcore ist das aufgelöste Rätsel der Musikgeschichte

  2. 2 paul 10. März 2009 um 1:04 Uhr

    Eklektizismus ist der Nullpunkt der zeitgenössischer Bildung: das fehlte gerade noch, daß auch unter ihr alles wackelte und schwamm!

    Hinter dem allgemeinen Verlangen nach Entspannung und Beruhigung vernehmen wir nur allzu deutlich das Raunen des Wunsches, den Terror ein weiteres Mal zu Beginnen, das Phantasma der Umfassung der Wirklichkeit in die Tat umzusetzen. Auch die feinen Funken, die ab und zu in den blaugrünen Wänden aufleuchteten, versöhnten mich nicht: Krieg dem Ganzen, zeugen wir für das Nicht-Darstellbare, aktivieren wir die Differenzen, retten wir die Differenzen, retten wir die Ehre des Namens. „Er ist das absolut, verstörend und wunderbar Ähnliche. Aber wem gleicht er? Niemandem.“ Ich verstand mich also von selbst.

    Diese Regel ist von nicht geringer Tragweite. Der Doppelgänger macht das Original sich selbst unähnlich, ent-stellt es, versetzt in Bewegung und beunruhigt, was ohne ihn sich in simpler Weise hätte identifizieren, benennen, in diese oder jene bestimmte Kategorie hätte einordnen lassen. Das erhabene Gefühl, das auch das Gefühl des Erhabenen ist, ist nach Kant eine heftige und zwiespältige Affektion: in ihm ist zugleich Lust und Unlust erhalten. Es handelt sich um ein Verschieben des Wirklichen, das in Schwebe versetzt wird, wobei jeder unmittelbare Sinn sich entleert: Seitdem mißtraue ich allen Theorien. Ergo erschienen aus der alrunischen Dämmerung vier schweigsame Niedersachsen mit Spaten; sie arbeiten, um die Regeln dessen zu erstellen, was gemacht worden sein wird. Größenwahn, brusthoch, kommt angekrochen, Pfote in Pfote mit der Unwissenheit: Rücke ich also ganz simpel die Tatbestände etwas zurecht, und bitte den Hörer nur, to turn it over in what he is pleased to call his mind. –

    (Arno Schmidt – Verschobene Kontinente / Sind wir noch ein Volk der Dichter & Denker? // Jean-François Lyotard – Beantwortung der Frage: Was ist postmodern? // Sarah Kofman – Die Melancholie der Kunst)

  3. 3 Sarah 10. März 2009 um 11:29 Uhr

    It is hard to be fashioned in a postmodern world
    (someone in a commentary book in the istanbul modern)

  4. 4 classless 10. März 2009 um 15:26 Uhr

    pauls Kommentar, bei 60° mit Don‘t spread the word gewaschen (und geschleudert)

    Am Anfang war der Code. Und keiner wußte, was Gott damit sagen wollte. Eklektizismus ist der Nullpunkt des Wunsches, den Terror ein weiteres Mal zu beginnen: „Er ist das absolut, verstörend und wunderbar Ähnliche.“ Also schickte Gott das Wort nach, das wurde begeistert aufgenommen und nun waren sich alle total sicher, daß sie es begriffen hätten. Vor der Apokalypse ist nach der Apokalypse. Diese Regel macht das Original sich selbst unähnlich. Verschieben des Wirklichen, Pfote in Pfote mit der Unwissenheit: Das war die Geburtsstunde der subjektorientierten Programmierung. Seitdem mißtraue ich allen Theorien.

  5. 5 paul 11. März 2009 um 20:23 Uhr

    Am Anfang mißtraue ich allen Theorien. Solange jedenfalls, wie es mir nicht gelingt, modisch zu sein in dieser Welt – dann kommt der Code.

    oder ist in istanbul tatsächlich so etwas wie „gemodet zu werden“ / zurechtgeschneidert zu werden gemeint? dann wird aus dem leicht resignierten seufzer ja gleich ein widerständiges „ihr kriegt mich nicht!“

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