oscar wilde on indifference

indifference is the revenge the world takes on mediocrities.

in: vera, or the nihilists. (via)

one should never listen. to listen is a sign of indifference to one’s hearers.

in: a few maxims for the instruction of the over-educated. (via)

[note that „indifference“ is not necessarily what is called „indifferenz“ here in previous letters. to my knowledge, it refers more decidedly to what in german is called „gleichgültigkeit“.]

im zweifel für den zweifel

lieber peter,

hier nun eine entdeckung, die ich dir zu verdanken habe und also auch nicht an dich, sondern an die geneigten leser_innen weitergebe:

ein fantastisches lied! etwas melancholischer streichersound, zugegeben, aber irgendwie ist’s ja auch das, was knallt… gefallen würde es mir sicher auch mit arabischen lyrics; so habe ich die chance, das ganze in anknüpfung an hier bereits geäußerte ideen zu verbreiten. der tocotronische grad „ästhetischer reflexion“, möchte ich es mal nennen, ist dann allerdings doch ein ganz anderer…

bonjour de cœur,

dein paul.

ludus indifferentiae

lieber peter,

danke für deine post, und entschuldige, dass ich dich solange auf eine beantwortung deiner fragen habe warten lassen. schreiben ist dann eben doch manchmal mehr morgen als hier und bloggen somit vielleicht tatsächlich eher winterhobby denn kontinuierlicher briefwechsel. aber zurück zum thema:

wenn ich das letzte mal eine diskussion über indifferenz anstoßen wollte, dann weil ich ihr nicht gleichgültig gegenüberstehe. mit der vermutung, dass es sich dabei um ein „tieferes bedürfnis“ handelt, magst du – zum einen – recht haben. zum anderen indifferenz, um anstoß und widerspruch zu erregen bei allgemeiner begeisterung, großem besäufnis an der differenz; um dieser etwas entgegenzusetzen und also letztlich an die seite zu stellen. jetzt gilt es zu schauen, ob und wie weit dieser ansatz tragfähig ist. von vornherein ausschließen möchte ich allerdings das missverständnis, mir könnte daran gelegen sein, die differenz abzustreiten oder auszuhebeln. die sich immer wieder auftuenden unterschiede zwischen verschiedenen möglichen lesarten, offiziellen vs.versteckten mitteilungen in texten sind ohne frage, besser: mit all ihren fragen durch und durch spannend. darunter fallen auch die naturge-sätze einer wissenschaft wie der physik und alle daran hängenden diskurse etc. pp. – mit indifferenz meine ich nicht die objektive unparteilichkeit des naturwissenschaftlers. lass uns hier bei anderer gelegenheit einmal wieder anknüpfen; einerseits ist diese objektivität für mich arbeitshypothese, andererseits stelle ich mir täglich die frage, ob die von mir gewählte beschreibungsweise eines phänomens wenn schon nicht die richtige, so doch zumindest die relevante verschiedener möglichkeiten ist.

also welches tiefere bedürfnis kann mit der indifferenz verbunden sein? auch hier möchte ich dir vorerst widersprechen: es ist gerade nicht so, dass ich die sich heute überall auftuenden brüche zukleistern möchte mit irgendeinem indifferenten gequatsche. du schreibst, wie wohl der spiegel zuvor, von „krisenkindern“, jungen erwachsenen, die überfordert sind angesichts der lebensweltlichen pluralität und ihren möglichkeiten zu und forderungen nach individualisierung. die sich hier andeutende unfähigkeit, entscheidungen zu treffen, kommt der frage, welche art indifferenz gemeint sein kann, vielleicht schon näher. ist es also das begriffliche aufbrezeln einer egal-haltung, die nicht position beziehen möchte oder kann, ihre feuilletonistische legitimierung angesichts eines schlechten gewissens? welchen mehrwert bietet es, von indifferenz anstatt nur von gleichgültigkeit zu reden, und läßt sich daraus etwas gewinnen, dass auch für das spiel der differenz offen bleibt, im besten fall dafür öffnet? du merkst, ich möchte nicht auf die unterschiede verzichten und werde ihre bedeutung weder abstreiten noch herunterzuspielen versuchen. ich möchte einfach ein szenario der indifferenz durchspielen – das spiel / die schule der indifferenz, ludus indifferentiae.

indifferent kid
indifferent kid

dinge / situationen / mich umgebende tatsachen können wohl unterschieden sein und dabei für mich gleiche gültigkeit besitzen, gleichen wert; in dem fall, dass man von gleichgültigkeit spricht, meist keinen. alltagssprachlich trifft das prädikat „gleichgültig“ eine aussage über meine befindlichkeit unabhängig von den mich umgebenden dingen / situationen / tatsachen, sie sind mir egal, sie sind wertlos. dass ich diese unterscheiden kann und ihnen eigentlich auch durchaus einen je eigenen wert zusprechen könnte, spielt in dieser ausgangslage der gleichgültigkeit keine rolle. ohne beschränkung der allgemeinheit kann indifferenz hier dafür stehen, verschiedenen dingen / situationen / tatsachen die gleiche gültigkeit von null verschieden zuzusprechen, um es mal mit anleihen an mathematischen sprachgebrauch zu formulieren. anders gesagt: weder A noch B sind mir egal, ich möchte sie aber nicht in verschiedene töpfe schmeißen, ihre differenz nicht ausspielen, nicht (ent)scheiden. bleibe ich indifferent, lasse ich bewußt beides gleich gelten, so verweigere ich mich einer einfachen lösung. die differenz wird nicht übergangen, es wird kein sie überbrückender schritt gemacht oder kleber in die risse geschmiert, sondern sie bleibt offen ausgestellt auf dem marktplatz der gedanken und gefühle. die indifferenz gibt der differenz den raum zum rauschen. dabei bleibt immer noch die frage, ob diese indifferenz bewußt gewählt oder zeugnis einer unfähigkeit zu klarem urteil ist. und wie sieht’s aus mit spannung und genuss? führt solche indifferenz zu kopfschmerzen und übelkeit, weil der wunsch – wie du richtig diagnostizierst – nach sicherheit und klarer antwort zu groß ist? oder macht es spaß, eine antwort zu verweigern? dies in jeweils individuell verschieden gestecktem rahmen versteht sich, wenn wir davon ausgehen, dass bestimmte dinge / situationen / tatsachen eben doch auf entscheidungen hinauslaufen – menschliche beziehungen, dinge im beruf (hehe wir werden älter), geschmacksfragen, wahlen, … es kann gar nicht um eine haltung zu allem gehen. aber sind wir einen schritt weiter auf dem weg zur großen spannung? also kurz zusammengefasst: indifferenz als bewusste entscheidungsverweigerung zwischen verschiedenen möglichkeiten in vollem bewusstsein des spiels der differenz, ihres zwangsläufigen aufbrechens bei jedem versuch der überwindung. somit hat sie durchaus etwas statisches: keine neuen risse werden durch das feste beschreiten eines weges in die krume gerissen. aber sie ermöglicht andererseits vielleicht, zu beobachten auf kleinerer skala, inwieweit diese statik trugschluss ist und schon immer etwas passiert mit den uns umgebenden dingen situationan tatsachen möglichkeiten – die fluktuation im vakuum…

ein anderes wäre es, indifferenz als tatsächliche kategorie zu denken, weniger psychologisch, mehr philosophisch, grob gesagt. also: der indifferente raum, wie ist er beschaffen? was passiert, wenn wir tatsächlich nicht differenzierte dinge situationen tatsachen zu denken und beschreiben versuchen? ein experiment, was bestimmt ebenfalls etwas licht werfen könnte auf die entfaltung der differenz, schon immer präsent im denken und schreiben. warte, ich schaue nochmal schnell nach bei derrida.

indifferente grafik
indifferente grafik

oder in abwandlung deines schlussatzes, der mir außerordentlich gut gefallen hat: die differenz ist wohl leben, in der indifferenz steckt es…

soviel fürs zweite, gewissermaßen. viele herzliche grüße, nie gleichgültig,

dein paul.

Grenzstabilität

Lieber Paul,

was ist so spannend an Indifferenz? Und woher kommt diese Frage? Mir scheint, sie könnte, auch wenn sie oberflächlich wie eine banale Wortspielerei aussieht, deinem Weltverständnis als Naturwissenschaftler entsprungen sein. Entsprechend dem nunmehr fast 300 Jahre altem Traum die Welt zu entzaubern (zumindest die physikalische), scheinst du auf der Suche nach Stabilität und unverrückbaren Wahrheiten zu sein und klammerst damit in einer scheinbar rationalen Bewegung offensichtliche Tatsachen aus. Natürlich stelle ich nicht in Frage, dass die Wahrheiten, die du als Naturwissenschaftler herausfindest wichtige Bestandteile unserer (der menschlichen) Lebenswelt sind und auch ihren Wahrheitsgehalt zweifle ich nicht an, versteh mich darin nicht falsch. Die Philosophie und die Wissenschaften sind in den letzen Jahrzehnten allerdings (wie ich finde, zurecht) davon abgekommen, die Welt in ihrer Gänze erklären zu wollen und die Vermutungen einiger Denker, dass die Wissenschaft, wie auch die Religion oder der Staat, zunächst einmal Machtdiskurse sind, scheint sich immer mehr zu bestätigen. In diesem Fall aber gibt es schon per sé keine Indifferenz in der naturwissenschaftlichen Forschung, denn wo es Ausgrenzungen und damit Differenz gibt, kommt es zwangsläufig zu Reibungen und Spannungen.

Vielleicht kommt diese Frage aber auch aus einem anderen, noch tiefereren Bedürfnis. Möglicherweise spiegelt deine Frage nach Indifferenz auch ein Unbehagen unserer Zeit wieder. Möglicherweise ist sie ein essentielles Bedürfnis nach einem geborgenen Kosmos, in dem alles seinen sicheren Platz hat. Möglicherweise hat ja der „Spiegel“ mit seinem Postulat recht hat, dass unsere individualistische Generation der „Krisenkinder“ ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit entwickelt hat, gerade weil die pubertären Provokationen der Postmoderne erwachsen geworden und mittlerweile zentraler Bestandteil unseres Lebensalltages sind. Ich denke, ich brauche dir die Schlagworte, die gerade in den letzten Wochen und Monaten durch die Medien geisterten nicht wiederholen. Fraglich ist nur, ob die Lösung dieser Differenzen indifferent sein kann, was immer das im jeweiligen Kontext auch bedeuten mag. Wahrscheinlicher ist wohl, dass neue indifferente Lösungen eben doch nur wieder Differenzen erzeugen. Und die interessante Frage ist wohl, welcher Preis (ich bediene mich nicht ohne Grund des wirtschaftlichen Terminus) dabei gezahlt werden muss.

In diesem Sinne und in anderen auch ist meiner Ansicht nach also nichts spannend an der Indifferenz. Wichtiger ist es wohl Spannungen, die aus Differenz entstehen zu erkennen, zu überwinden oder sie kreativ zu benutzen. Indifferenz anzustreben führt – wie du schon richtig aus dem Netz ausgegraben hast – zu Gleichgültigkeit, Beziehungslosigkeit und all den anderen negativen Effekten einer geschlossenen heilen Welt. In der Differenz allerdings steckt wohl Leben.

Beste Grüße

Dein Peter

indifferenz

lieber peter, liebe leser,

was ist die differenz? sind wir ihr auf der spur? auf der spur der différance gar?

habt ihr vielleicht genau so wenig lust auf pseudophilosophische begriffsgrütze wie ich auf netzarchäologie?

mir ist es ehrlich gesagt ziemlich egal. wenn ich mehr schlecht als recht versuche, das eigentliche des ereignisses herbeizuschreiben, ist es eben das: aus dem nichs herbeigeholt ohne bedürfnis, „genau das“ sagen zu wollen – leerer selbstzweck, schlappe gehirngymnastik, um nicht völlig der indifferenz anheimzufallen. doch schwupps, ein gedanke: was hat es eigentlich mit der indifferenz auf sich? woher speist sie sich? wieso kämpfen wir gegen sie an?

was nötigt mich eigentlich, partei ergreifen zu müssen?

einmal schriebst du mir, peter, dass „die meinungen“ die differenz „zukleistern“ würden. bin ich indifferent, habe ich keine meinung, dann lasse ich der differenz erst die luft zum atmen…

indifferenz: in der differenz, nicht auf einer der seiten der spalte.

und doch auch: angeödet, gleichgültig, beziehungslos. kann man das zusammendenken? ursprünglich hatte ich den plan, genau das mal auszuloten, im spagat zwischen „herbeischreiben“, „hineinlesen“ und „hinaustexten“. wurde bis jetzt noch nichts, und deshalb setze ich nun etwas auf eure beteiligung: was fällt euch zum thema indifferenz ein? von langen exkursen in die philosophiegeschichte über knackige statements der psychoanalyse, top-five-listen der indifferentesten lieblingsmenschen, -tieren, -dingen bis hin zu arschlangweiligen videobeiträgen ist alles gernstens gesehen!

auf bald und herzliche grüße aus paris, gar nicht so indifferent,

euer paul.

rrrrrip!

ahoi peter,

„klar schiff! leinen los! wir nehmen diskurs auf rom!“ aber bloß nicht kurs halten… also lege ich hier auch mal einen film ein:


cut up and remix! brecht die story, verfremdet das bild! viele einsätze, ein versprechender ansatz. genung gekalauert, mir gefällt die idee ausnehmend gut (und auch sonst hat das national filmboard of canada einiges zu bieten), viel spaß euch damit! daran? ran da!

viele grüße und immer `ne handbreit wasser unterm kiel,

dein paul.

do wah diddy diddy dum diddy do …

Lieber Paul,

da ich weiss, dass du Geschmack hast, möchte ich hiermit, ohne große Worte, eine neue Kategorie eröffnen.

Viele Grüße

Dein Peter


We shall overcome: Rettet die Wale in Genua …

Lieber Paul,

mit Freude hab ich dich beim Philosophieren gelesen. Ich werde mir ein wenig Zeit nehmen um dir darauf zu antworten, denn irgendwie hab ich das Gefühl, dass wir ein neues Level, oder vielleicht eine neue Dimension (vom Kreis zur Kugel?) erreicht haben. Die (R)evolution naht! Wider der Finanzkrise! Wie dem auch sei, bevor ich zu pathetisch werde geht es weiter mit Geschichte und Musik:

Dieser Beitrag wird nun zum ersten über das Erinnerungsjahr 2009 in diesem Blog. Wie du und die Leser ja wissen war 1989 ein Ereignisreiches Jahr in dem viele Kreisläufe durchbrochen wurden. Auf den Straßen der zerfallenden DDR wurde dabei ein altes Protestlied gesungen, dass schon in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung eine wichige Rolle spielte. Die österreichische Sängerin Gustav hat daraus eine wunderschöne postmoderne Elektropophymne gecovert. In deeppink:

Und weil ich mich in Gustavs Stimme gerade ein wenig verliebt habe und weil sie so tolle Texte hat und ihre Musik schön abwechslungsreich ist gleich noch eine Möglichkeit den Kreis zu durchbrechen: Rettet die Wale!! Sie könnten uns helfen …


und zum Schluß noch ein stiller revolutionärer Traum aus der nahen Vergangenheit:


In diesem Sinne viele Grüße

Dein Peter

ereigentlich

grüß gott peter,

was macht er er eigentlich, der ereignis? und kann man das essen? trinken vielleicht, so nach dem motto: „drei halbe liter bitte, eine lokalrunde ereignis!“ (in sehr kleiner dorfschenke dann?)

naja, genug gefragt. was du schreibst, überzeugt: das ereignis, überraschendes moment par excellence, da es sich in seiner ereignishaftigkeit weder ankündigt noch die fortsetzung, der gipfel oder das zwangsläufige ende sonst einer entwicklung ist, versetzt die kräfte des kreises in vorübergehende schockstarre – und schafft so einen moment, in dem der kreislauf überschaut, überstiegen werden kann. deine filmauslegung ist einleuchtend, und wenn ich nicht um die prinzipielle unmöglichkeit dessen wüsste, würde ich sie glatt als zwingend bezeichnen… (gelungen ist auch die verbindung von theory & empire – äh, nein wirklich!)

das ereignis ist das moment des moments, in dem es sich ereignet.

indem es sich ereignet, eignet sich das ereignis – wofür? oder sollten wir fragen: wem? denn es ist nichts, was man sich „an“eignen kann – das ereignis eignet sich von selbst-, aber dadurch ist es noch lange nicht unzugehörig, verstoßen, alleine. im gegenteil, ein ereignis (und es werden mit jeder bestimmung sicher weniger momente, die sich noch für diese bezeichnung qualifizieren, aber das ist egal) eignet sich allen, die es erleben. ist es also ein psychologisches phänomen? du hast schon angedeutet, dass uns ereignisse die sprache verschlagen können – was doch sonst nur in momenten äußerster erregung passiert. wann nehmen wir etwas als ereignis wahr? meist meinen wir damit momente, die deutliche folgen zeitigen: „ja, das war ein ereignis!“ raunt die menge und versichert sich der bedeutungsschwere ihrer zeitgenossenschaft. nun scheint mir das aber doch eher ein großes geschehen zu meinen als ein enormes ereignis. ein solches letzteres muss eben nicht groß sein oder in der zeitung stehen, ganz wie es ja auch im film der fall sein wird, weil keiner mehr darüber berichten kann. ein ereignis ist kein spektakel!

das sich uns eignende ereignes eignet sich uns – um uns in bewegung zu versetzen. dies selbst eine bewegung weg vom geschlossenen kreis hin eben zum wir, ein wir, das nun vielleicht wirklich so etwas wie ein offener kreis ist… (ganz ungeometrisch, im sinne von lesekreis oder häkelrunde, nur ohne jeden mitgliedsausweis, newsletter-subscription oder sonstige begrenzung.) eine transformation also, die den starren kreislauf aufhebt und ersetzt durch einen offenen kreis, zu dem gehört, wer die ereignung des ereignisses erfährt. der von dir angesprochene perspektivenwechsel gewissermaßen.

(auch hier könnte man überlegen, inwieweit die mathematik ihre relevanz verliert, falls sie diese je besessen hat in der beschreibung verfahrener situationen. ob sie doch wieder eingeführt weden kann, beispielsweise wenn man anfängt, über topologie (die lehre von offenen mengen, in gewisser weise, alle möglichen systeme von umgebungen) zu sprechen. aber letztlich ist das wohl tatsächlich eher die frage nach der sprache allgemein, dem verstummen und dem wieder anheben nach dem atemholen. und die frage, inwieweit sich in verschiedenen sprachen – mathematik oder deutsch beispielsweise – ein und dasselbe unterschiedlich darstellt.)

dass du mich zitierst, ist natürlich vollig in ordnung, ganz unabhängig von jeder zeit, lieber peter – je öfter desto besser… und um das ereignis nicht noch mehr in schierer textmasse wieder verschwinden zu lassen, belasse ich es vorerst bei diesen notizen,

mit vielen grüßen und bis bald,

dein paul

offside revisited

Lieber Paul,

nur kurz zu deiner Filmkritik, denn mir scheint mein Anliegen nicht ganz deutlich worden zu sein. Du schriebst der Film zeigt wie flach der Kreis sei. Freilich macht er das. Allerdings ist das meiner Ansicht nach nicht die zentrale Aussage des Filmes. Weiterhin maßt er sich auch nicht an – denn es ist nur ein Film – offen zu zeigen wie „dieser kreislauf durchbrochen, zerstört, modifiziert, umgedeutet, geöffnet werden kann.“ (Ich hoffe du hast nichts dagegen, wenn ich dich zitiere. ist nur schon spät und ich wollte nicht auf alle Begriffe eingehen. Modifikationen und Umdeutungen finden zum Beispiel durchaus statt) Das Bemerkenswerte an diesem Film ist meiner Meinung nach, dass er zeigt, dass es solche Momente gibt. Deshalb schrieb ich von Ereignissen, denn ein Ereignis tritt immer überraschend ein und lässt sich allerhöchstens strategisch planen. Das Ereignis als Strategem liefert jedoch keine absolute Garantie für sein eintreffen.
Nun gibt es in diesem Film zwei überraschend eintretende Ereignisse. Das erste ist das Wiederanspringen des Radios mitten in der Bedrohungssituation. Man könnte hier fast von einem Moment der Freiheit reden. Alle vier Soldaten sind Fussballfans und alle vier sind angetan von dem Spiel. Ich denke ich muss nicht ausführen welches Potential in dieser Gemeinsamkeit angesichts dieses Kontextes liegt.
Im zweiten Ereignis liegt dann die Tragik und es kommt, selbst für den Zuschauer, fast noch überraschender. Tragisch ist der losgegange Schuss wohl vor allem, weil er die Situation ein für alle mal klärt und den Kreislauf für die Beteiligten gewissermaßen beendet.
Die Frage ist also nicht: Wie lässt sich der Kreis öffnen oder durchbrechen? Die Frage ist: Wie können wir die Freiheit nutzen, wenn der Kreis sich öffnet oder durchbrochen wird. Sicher auch eine interessante Frage in Bezug auf gegenwärtige Krisen.
Zum Rest werde ich dir bald schreiben (auch der Rest birgt übrigens interessantes Diskussionspotential in Bezug auf den Kreislauf. Vergleiche zum Beispiel: Falschgeld von Jacques Derrida)

Eine schöne Woche und viele Grüße

Dein Peter