lieber peter,
danke für deine post, und entschuldige, dass ich dich solange auf eine beantwortung deiner fragen habe warten lassen. schreiben ist dann eben doch manchmal mehr morgen als hier und bloggen somit vielleicht tatsächlich eher winterhobby denn kontinuierlicher briefwechsel. aber zurück zum thema:
wenn ich das letzte mal eine diskussion über indifferenz anstoßen wollte, dann weil ich ihr nicht gleichgültig gegenüberstehe. mit der vermutung, dass es sich dabei um ein „tieferes bedürfnis“ handelt, magst du – zum einen – recht haben. zum anderen indifferenz, um anstoß und widerspruch zu erregen bei allgemeiner begeisterung, großem besäufnis an der differenz; um dieser etwas entgegenzusetzen und also letztlich an die seite zu stellen. jetzt gilt es zu schauen, ob und wie weit dieser ansatz tragfähig ist. von vornherein ausschließen möchte ich allerdings das missverständnis, mir könnte daran gelegen sein, die differenz abzustreiten oder auszuhebeln. die sich immer wieder auftuenden unterschiede zwischen verschiedenen möglichen lesarten, offiziellen vs.versteckten mitteilungen in texten sind ohne frage, besser: mit all ihren fragen durch und durch spannend. darunter fallen auch die naturge-sätze einer wissenschaft wie der physik und alle daran hängenden diskurse etc. pp. – mit indifferenz meine ich nicht die objektive unparteilichkeit des naturwissenschaftlers. lass uns hier bei anderer gelegenheit einmal wieder anknüpfen; einerseits ist diese objektivität für mich arbeitshypothese, andererseits stelle ich mir täglich die frage, ob die von mir gewählte beschreibungsweise eines phänomens wenn schon nicht die richtige, so doch zumindest die relevante verschiedener möglichkeiten ist.
also welches tiefere bedürfnis kann mit der indifferenz verbunden sein? auch hier möchte ich dir vorerst widersprechen: es ist gerade nicht so, dass ich die sich heute überall auftuenden brüche zukleistern möchte mit irgendeinem indifferenten gequatsche. du schreibst, wie wohl der spiegel zuvor, von „krisenkindern“, jungen erwachsenen, die überfordert sind angesichts der lebensweltlichen pluralität und ihren möglichkeiten zu und forderungen nach individualisierung. die sich hier andeutende unfähigkeit, entscheidungen zu treffen, kommt der frage, welche art indifferenz gemeint sein kann, vielleicht schon näher. ist es also das begriffliche aufbrezeln einer egal-haltung, die nicht position beziehen möchte oder kann, ihre feuilletonistische legitimierung angesichts eines schlechten gewissens? welchen mehrwert bietet es, von indifferenz anstatt nur von gleichgültigkeit zu reden, und läßt sich daraus etwas gewinnen, dass auch für das spiel der differenz offen bleibt, im besten fall dafür öffnet? du merkst, ich möchte nicht auf die unterschiede verzichten und werde ihre bedeutung weder abstreiten noch herunterzuspielen versuchen. ich möchte einfach ein szenario der indifferenz durchspielen – das spiel / die schule der indifferenz, ludus indifferentiae.

indifferent kid
dinge / situationen / mich umgebende tatsachen können wohl unterschieden sein und dabei für mich gleiche gültigkeit besitzen, gleichen wert; in dem fall, dass man von gleichgültigkeit spricht, meist keinen. alltagssprachlich trifft das prädikat „gleichgültig“ eine aussage über meine befindlichkeit unabhängig von den mich umgebenden dingen / situationen / tatsachen, sie sind mir egal, sie sind wertlos. dass ich diese unterscheiden kann und ihnen eigentlich auch durchaus einen je eigenen wert zusprechen könnte, spielt in dieser ausgangslage der gleichgültigkeit keine rolle. ohne beschränkung der allgemeinheit kann indifferenz hier dafür stehen, verschiedenen dingen / situationen / tatsachen die gleiche gültigkeit von null verschieden zuzusprechen, um es mal mit anleihen an mathematischen sprachgebrauch zu formulieren. anders gesagt: weder A noch B sind mir egal, ich möchte sie aber nicht in verschiedene töpfe schmeißen, ihre differenz nicht ausspielen, nicht (ent)scheiden. bleibe ich indifferent, lasse ich bewußt beides gleich gelten, so verweigere ich mich einer einfachen lösung. die differenz wird nicht übergangen, es wird kein sie überbrückender schritt gemacht oder kleber in die risse geschmiert, sondern sie bleibt offen ausgestellt auf dem marktplatz der gedanken und gefühle. die indifferenz gibt der differenz den raum zum rauschen. dabei bleibt immer noch die frage, ob diese indifferenz bewußt gewählt oder zeugnis einer unfähigkeit zu klarem urteil ist. und wie sieht’s aus mit spannung und genuss? führt solche indifferenz zu kopfschmerzen und übelkeit, weil der wunsch – wie du richtig diagnostizierst – nach sicherheit und klarer antwort zu groß ist? oder macht es spaß, eine antwort zu verweigern? dies in jeweils individuell verschieden gestecktem rahmen versteht sich, wenn wir davon ausgehen, dass bestimmte dinge / situationen / tatsachen eben doch auf entscheidungen hinauslaufen – menschliche beziehungen, dinge im beruf (hehe wir werden älter), geschmacksfragen, wahlen, … es kann gar nicht um eine haltung zu allem gehen. aber sind wir einen schritt weiter auf dem weg zur großen spannung? also kurz zusammengefasst: indifferenz als bewusste entscheidungsverweigerung zwischen verschiedenen möglichkeiten in vollem bewusstsein des spiels der differenz, ihres zwangsläufigen aufbrechens bei jedem versuch der überwindung. somit hat sie durchaus etwas statisches: keine neuen risse werden durch das feste beschreiten eines weges in die krume gerissen. aber sie ermöglicht andererseits vielleicht, zu beobachten auf kleinerer skala, inwieweit diese statik trugschluss ist und schon immer etwas passiert mit den uns umgebenden dingen situationan tatsachen möglichkeiten – die fluktuation im vakuum…
ein anderes wäre es, indifferenz als tatsächliche kategorie zu denken, weniger psychologisch, mehr philosophisch, grob gesagt. also: der indifferente raum, wie ist er beschaffen? was passiert, wenn wir tatsächlich nicht differenzierte dinge situationen tatsachen zu denken und beschreiben versuchen? ein experiment, was bestimmt ebenfalls etwas licht werfen könnte auf die entfaltung der differenz, schon immer präsent im denken und schreiben. warte, ich schaue nochmal schnell nach bei derrida.

indifferente grafik
oder in abwandlung deines schlussatzes, der mir außerordentlich gut gefallen hat: die differenz ist wohl leben, in der indifferenz steckt es…
soviel fürs zweite, gewissermaßen. viele herzliche grüße, nie gleichgültig,
dein paul.